VKU-Chef Ingbert Liebing zur EU-Wasserstoffstrategie: „Sektoren verknüpfen, Wasserstoff stärken, Dekarbonisierung vorantreiben“

Berlin/Brüssel, 19.05.2021. Das Europäische Parlament hat sich heute zu den Strategien der EU-Kommission über eine europäische Wasserstoffwirtschaft und die Integration der Energiesysteme positioniert.

Dazu erklärt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen e.V. (VKU):

  • „Wir begrüßen die Positionen des Europäischen Parlaments und seine Erwartungen an die Europäische Kommission, wie das europäische Energiesystem ausgestaltet und eine europäische Wasserstoffwirtschaft aufgebaut werden soll. Das volle Dekarbonisierungpotenzial kann nur dann gehoben werden, wenn die unterschiedlichen Sektoren, in denen CO2 anfällt, intelligent miteinander verknüpft und damit CO2-Emissionen verringert werden. Genau hier kommt Wasserstoff ins Spiel. Wasserstoff kann das zentrale Bindeglied zwischen den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr werden, weil es als CO2-neutrale und speicherbare Energiequelle über die bestehenden Gasverteilnetze in der Fläche nutzbar gemacht werden kann.”
  • „Zur Erreichung der Klimaneutralität brauchen wir sektorübergreifende Strategien, die offen für neue Technologien sind und auf Pragmatismus setzen. Wir sind auf alle verfügbaren Infrastrukturen und Energiequellen angewiesen. Die von kommunalen Unternehmen betriebenen Gasverteilnetze stehen bereit, diese Transformation als eine Basis-Infrastruktur der Energiewende zu unterstützen.“
  • „Die Politik steht nun vor der Aufgabe, den energiepolitischen Rechtsrahmen und einen neuen Regulierungsrahmen so zu setzen, dass die EU effektiv und effizient dekarbonisiert wird. Kommunale Ansätze und dezentrale Strukturen sind hier von immenser Relevanz.“

In der Langfassung heißt das:

„Wir begrüßen die Positionen des Europäischen Parlaments und seine Erwartungen an die Europäische Kommission zum Ausgestalten des europäischen Energiesystems sowie den Aufbau einer dekarbonisierten europäischen Wasserstoffwirtschaft. Nur aber mit einem intelligenten Verknüpfen der Sektoren kann das volle Potential der Dekarbonisierung innerhalb der europäischen Wirtschaft gehoben werden.

Das Europäische Parlament hat richtungweisend hervorgehoben, dass jetzt gehandelt werden muss, um die ambitionierten Emissionsreduktionsziele zu erreichen. Nicht nur Technologieneutralität, also das politische Gleichbehandeln aller Technologien, sowie gasförmige Energieträger werden einen wesentlichen Beitrag zur Dekarbonisierung, auch des Wärmesektors, leisten. Um kurzfristige Einsparpotentiale nutzen zu können, hat das Europäische Parlament auch richtigerweise die Bedeutung von kohlenstoffarmen Gasen bestätigt.

Im europäischen Energiesystem wird Wasserstoff eine bedeutende Rolle als Bindeglied für ein intelligentes Vernetzen der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr einnehmen. Dabei ist das geschickte Gestalten der Sektorenkopplung bei der Produktion, dem Verteilen und Nutzen vor Ort der Schlüssel für effiziente und klimafreundliche Energiesysteme. Kommunale Unternehmen bringen genau hier ihr Wissen und ihre Expertise ein. Sie sind erfahren im langjährigen Anwenden von verschiedenen Formen der Sektorenkopplung wie Kraft-Wärme-Kopplung und energetischer Abfallverwertung. Sie bieten für Wasserstoff und weitere Produkte der Elektrolyse, wie Sauerstoff oder Abwärme, Einsatzmöglichkeiten in Kläranlagen, Verteil- und Wärmenetzen und steigern zudem die Flexibilität des Stromnetzes.

Mit seiner wirtschaftlichen Anpassungsfähigkeit für die klimaneutralen Gase kann die Leistungsfähigkeit, Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit des Verteilnetzes für die effektive sowie effiziente Dekarbonisierung nicht nur genutzt werden – sie stellt das Rückgrat dar und werden so zu einer Basis-Infrastruktur der Energiewende. Dezentrale Ansätze spielen eine besondere Rolle bei dem Aufbau einer klimaneutralen europäischen Wasserstoffwirtschaft. Neben dem regionalen Wertschöpfungspotential von „H2 Valleys“ sind kurze Distributionsketten für das zukünftige Versorgen der Sektoren Wärme, Verkehr und Industrie mit Wasserstoff unverzichtbar. Aus Sicht des VKU ist es daher wichtig, dass die Politik regionale Faktoren und dezentrale Potentiale wesentlich stärker berücksichtigt. Kommunale Unternehmen gestalten die Wasserstoffwirtschaft vor Ort bereits mit. Die Dekarbonisierung des Energie- und Wärmesystems ist zudem auf alle verfügbaren Infrastrukturen und Energiequellen angewiesen. Insbesondere für den Hochlauf des Wasserstoffmarktes ist ein technologieoffener Bezug von klimaneutralen Wasserstoff unabhängig von seiner Erzeugungsart von entscheidender Bedeutung zum Erreichen dieses Ziels. Die Sicherheit der öffentlichen Trinkwasserversorgung muss absoluten Vorrang genießen. Erfolge bei der Wasserstoffwirtschaft dürfen nicht mit Gewässerschutzbelastungen in der EU, wie zum Beispiel durch Carbon Capture and Storage (CCS), erkauft werden.

Die Politik steht nun vor der Aufgabe, den energiepolitischen Rechtsrahmen zu überarbeiten und einen neuen Regulierungsrahmen zu setzen, um die effektive und effiziente Dekarbonisierung der EU zu ermöglichen. Kommunale Ansätze und regionale Strukturen sind hier von immenser Relevanz. Der VKU steht bereit, diesen Weg engagiert über alle Sektoren hinweg zu begleiten und lokale Lösungen sowie seine Expertise einzubringen."

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) vertritt über 1.500 Stadtwerke und kommunalwirtschaftliche Unternehmen in den Bereichen Energie, Wasser/Abwasser, Abfallwirtschaft sowie Telekommunikation. Mit mehr als 275.000 Beschäftigten wurden 2018 Umsatzerlöse von rund 119 Milliarden Euro erwirtschaftet und mehr als 12 Milliarden Euro investiert. Im Endkundensegment haben die VKU-Mitgliedsunternehmen große Marktanteile in zentralen Ver- und Entsorgungsbereichen: Strom 62 Prozent, Erdgas 67 Prozent, Trinkwasser 90 Prozent, Wärme 74 Prozent, Abwasser 44 Prozent. Sie entsorgen jeden Tag 31.500 Tonnen Abfall und tragen durch getrennte Sammlung entscheidend dazu bei, dass Deutschland mit 67 Prozent die höchste Recyclingquote in der Europäischen Union hat. Immer mehr kommunale Unternehmen engagieren sich im Breitbandausbau. 190 Unternehmen investieren pro Jahr über 450 Mio. EUR. Sie steigern jährlich ihre Investitionen um rund 30 Prozent. Beim Breitbandausbau setzen 93 Prozent der Unternehmen auf Glasfaser bis mindestens ins Gebäude.