Gemeinsames ZfK-Interview mit Minister Prof. Steinbach und dem Landesgruppenvorsitzenden Harald Jahnke

©MWAE / ©SW Prenzlau

Der Tesla-Effekt: Chance für Deutschlands Energiewirtschaft?
Kaum ein Bundesland hat von der Energiewende bislang so profitiert wie Brandenburg. Trotzdem geht es der Erneuerbaren-Branche nicht schnell genug. Inwiefern Tesla nun als Vorbild dienen kann, erklärt Wirtschaftsminister Jörg Steinbach im ZfK-Interview.

Bislang gehört Brandenburg zu den großen Gewinnern der Energiewende. Kaum ein anderes Bundesland setzte so früh und konsequent auf Windkraftanlagen, kaum ein anderes Bundesland erzeugt inzwischen pro Kopf so viel erneuerbaren Strom. Trotzdem macht sich die Erneuerbaren-Branche nun Sorgen.

In den nächsten fünf Jahren fällt fast die Hälfte der heutigen Windenergieanlagen in Brandenburg aus der EEG-Förderung, warnte der Branchenverband BWE. Unternehmer klagen zudem über zu lange und komplizierte Genehmigungsverfahren bei Repowering und Ausbau. Auch deshalb droht das Land sein Windziel für 2030 (8,6 GW) zu verfehlen.

"Verfahren müssen schlanker werden"

Harald Jahnke, Chef der Stadtwerke Prenzlau und Vorsitzender der VKU-Landesgruppe Berlin/Brandenburg, kennt die Schwierigkeiten gut. Sein Kommunalunternehmen betreibt selbst mehrere Windkraftanlagen in Brandenburg.

Jahnke würde gern noch mehr errichten. Pachtverträge in Windeignungsgebieten wären da. Allerdings stocken die Planungen wegen naturschutzrechtlicher Einwände. Der Stadtwerkechef fordert: "Um unsere Klimaziele zu erreichen, müssen wir die Windkraft deutlich ausbauen. Da müssen die Verfahren schlanker und schneller werden."

Tesla als Vorbild?

Der kalifornische Autobauer Tesla scheint gerade vorzumachen, wie es auch anders gehen kann. Im November 2019 kündigte er den Bau einer neuen Gigafactory in Grünheide an. Nicht einmal zwei Jahre später sollen die ersten Elektroautos vom Band laufen. Zwar könnte sich der für Juli geplante Start aufgrund von Genehmigungsproblemen um ein paar Monate verzögern. Trotzdem wäre Teslas Bauvorhaben damit wohl noch immer deutlich schneller umgesetzt als deutsche Konzepte vergleichbarer Größenordnung.

"Nicht Verwaltung handelt anders, sondern Investor"

Als Blaupause für deutsche Unternehmen diene dieses Vorgehen allerdings nicht, sagt Brandenburgs Wirtschafts- und Energieminister Jörg Steinbach. "Es ist nicht die Verwaltung, die anders handelt als sonst, sondern der Investor. Tesla baut, ohne eine abschließende Genehmigung zu haben. Das entspricht nicht der deutschen Risikomentalität."

Für Steinbach liegt der eigentliche Tesla-Effekt ohnehin woanders. "Viele Unternehmen wurden dadurch erst auf Brandenburg und seine Rahmenbedingungen aufmerksam", erklärt der SPD-Politiker. "So gut wie jedes Unternehmen, das sich bei uns ansiedeln will, erkundigt sich inzwischen, wie es um Energieversorgung und CO2-Footprint steht. Da haben wir als Bundesland mit dem größten Pro-Kopf-Ausbau erneuerbarer Energien einen Vorsprung gegenüber wirtschaftsstarken Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg."

Ersatz für Jänschwalde und Schwarze Pumpe

Allerdings ist es für Brandenburg noch ein weiter Weg zur Klimaneutralität. Eine Energiestrategie für die Jahre 2030 und 2040 arbeitet Steinbachs Ministerium gerade aus. Es gilt, Erzeuger fossiler Energie wie die Kohlekraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe (geplante Stilllegung 2028 bzw. 2038) zu ersetzen und zusätzlichen Strombedarf, beispielsweise durch Tesla, neue Rechenzentren und mehr E-Mobilität, zu decken. Ferner sollen erneuerbare Energien zunehmend die Wärmeversorgung übernehmen. Dabei zeichnet sich ab, dass Photovoltaik bis 2030 deutlich stärker ausgebaut werden soll als Wind. Zwar hält Steinbach Wind weiter für einen zentralen Teil im Energiemix, verweist aber auch darauf, dass es "ganz wichtig" sei, die Bevölkerung von Anfang an mit einzubeziehen und an Projekten etwa im Rahmen von Bürgerstrommodellen teilhaben zu lassen.

Windenergie im Wärmesektor "Quatsch"

Zudem sei Wind nicht für alle Energiebereiche geeignet. Die Nutzung von Windenergie im Wärmesektor etwa sei angesichts hoher Wirkungsgradverluste "Quatsch". "Es muss darum gehen, unseren Energiemix in den verschiedenen Zielbereichen vernünftig einzusetzen".

Dass kommunalen Unternehmen beim Umbau der Brandenburger Energieversorgung eine zentrale Rolle zufällt, steht für Steinbach dabei außer Frage. "Ich bin ein großer Fan kommunaler Versorger", sagt er. "Angesichts einer zunehmend dezentralen Energieversorgung bin ich über jedes Stadtwerk froh, das Verantwortung übernimmt und eigene, lokale Lösungen entwickelt."  

https://www.zfk.de/politik/deutschland/tesla-effekt-vorbild-deutscher-energiesektor

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Wohnprojekt "Womena": Wie Neuruppin zum Wärmewende-Vorreiter werden will 
Im Herzen der brandenburgischen Kleinstadt entsteht gerade ein umweltfreundliches Wohngebiet mit bis zu 90 Wohnungen. Als Paradestück gilt die Wärmeversorgung.

Es geht voran auf der Baustelle im Herzen Neuruppins (Brandenburg), wo unter Beteiligung der örtlichen Stadtwerke eines der größten CO2-neutralen Wohnprojekte Brandenburgs entsteht. Drei von fünf geplanten Gebäuden sind schon fertiggestellt und 48 Wohnungen bezogen. Bei Abschluss der Arbeiten Ende 2024 sollen es bis zu 90 Wohnungen sein — plus Arztpraxis, Kindergarten und Restaurant.

Vorzeigeprojekt "Womena"

Vor fünf Jahren taten sich die Stadtwerke mit der örtlichen Wohnungsbaugenossenschaft WBG zusammen, um ein Wohngebiet zu entwickeln, das sozial und ökologisch neue Standards setzen, Wohnen, Mensch und Natur in Einklang bringen sollte. Entsprechend nannten die Beteiligten das Projekt "Womena". Eines der Ziele war es, ein Energiekonzept zu schaffen, das Strom, Wärme und Mobilität verknüpft und auf erneuerbaren Quellen beruht.

Paradestück Wärmeversorgung

Deshalb sind auf den Dächern der neuen Gebäude Solarkollektoren verlegt. Sie sollen die Bewohner im Rahmen eines Mieterstrommodells mit Strom versorgen. Als Paradestück gilt allerdings die Wärmeversorgung. Die Beteiligten wollen damit zeigen, wie die Wärmewende ganz ohne Gas und Kohle sowie möglichst umweltschonend, wirtschaftlich und sozial verträglich gelingen kann — eine Herausforderung, vor der viele Kommunen in der Bundesrepublik stehen.

Wärmeversorgung mit mehreren Säulen

Die "Womena"-Wärmeversorgung fußt auf mehreren Säulen: auf thermischen Solaranlagen, Abluft- und Wärmepumpen und E-Tanks als Energiespeicher. Ferner besteht Anschluss zum Fernwärmenetz der Stadtwerke. Dieses kann sommerliche Überschüsse bei Solarerträgen aufnehmen und an kalten Wintertagen als Notreserve Wärme liefern. Eine intelligente Heizzentrale dient als Bindeglied zwischen den einzelnen Komponenten.

Erster Härtetest bestanden

2019 gehörten die Projektbeteiligten zu den Preisträgern des Brandenburger Energieeffizienzpreises, den das Land und die VKU-Landesgruppe Berlin-Brandenburg dieses Jahr zum fünften Mal ausloben. Nun scheint das Konzept auch den ersten Härtetest bestanden zu haben.

"Obwohl der letzte Winter sehr kalt war und sich das Projekt noch in der abschließenden Bauphase befindet, kamen wir bereits auf eine Eigenversorgungsquote im Wärmebereich von etwa 80 Prozent", sagt Thoralf Uebach, Geschäftsführer der Stadtwerke Neuruppin.

Kleines Elektroauto zum Einkaufen

Inzwischen können die Bewohner auch ein kleines Elektroauto zum Einkaufen oder für Ausflüge nutzen. Das Carsharing-Projekt der Stadtwerke startete im November. "Mittlerweile haben wir mehr als 30 Nutzer", sagt Uebach. "Die Resonanz ist sehr gut." Was die Wirtschaftlichkeit des Projektes betreffe, befänden sich die Stadtwerke noch in einer "Lernkurve", gibt der Geschäftsführer zu. "Ohne entsprechende Anschubfinanzierung sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehr, sehr schwierig."

Zuspruch von brandenburgischem Wirtschaftsminister

Gleichfalls sei es wichtig, Pioniergeist zu zeigen und zu testen, inwiefern sich das Projekt auch in anderen Bereichen der Stadt adaptieren lasse.

Zuspruch bekommen die Stadtwerke vom brandenburgischen Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Vorhaben wie "Womena" kämen auf dem Weg zu einem klimaneutralen Deutschland "ganz besondere Bedeutung" zu, sagt er.

Bedeutung von Womena

"Wir klagen ja oft, dass die Energiewende-Diskussion zu sehr auf den Strom reduziert, Wärme dagegen stiefmütterlich behandelt werde. Umso wichtiger ist es, auch im Wärmebereich Vorzeigeprojekte zu haben. Das gibt dem Thema eine ganz andere Prominenz."

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In Berlin-Brandenburg sind 70 kommunale Unternehmen im VKU organisiert. Die VKU-Mitgliedsunternehmen in Berlin-Brandenburg leisten jährlich Investitionen in Höhe von über 900 Millionen Euro, erwirtschaften einen Umsatz von fast 5 Milliarden Euro und sind wichtiger Arbeitgeber für mehr als 17.000 Beschäftigte.