Gasbranche braucht jetzt das Bekenntnis der Politik

Tobias Bringmann, Geschäftsführer der Landesgruppe, betonte, dass Erdgas gerade auch vor dem Hintergrund der Dekarbonisierung noch für Jahrzehnte ein unverzichtbarer Bestandteil des Energiesystems sei. Erdgas zeichne sich durch sehr niedrige Emissionswerte aus und besitze im Gegensatz zum Strom eine ausgezeichnete Speicherfähigkeit – zumal in bereits vorhandenen Infrastrukturen. Aufgrund bevorstehender Investitionen in die Gasnetze forderte Bringmann ein klares Bekenntnis der Politik zum Erdgas, um dadurch auch ein Zeichen an den Kapitalmarkt zu senden, um Fremdkapital durch neue Instrumente der Finanzmarktregulierung nicht zusätzlich zu verteuern. „Die Politik hält uns immer vor, dass wir die Preise treiben. Hier hätte sie die Chance durch ein klares Bekenntnis zum Gas, das sie keinen Euro kostet, die Energiepreise in den Griff zu bekommen", so Bringmann, „denn solange Gas als böse und als Auslaufmodell abgestempelt wird, schmecken auch den Kapitalmärkten unsere Investitionen nicht. Das treibt die Zinsen hoch“.

Karl Greißing, Abteilungsleiter Energiewirtschaft im baden-württembergischen Umweltministerium betonte, dass Erdgas aus Sicht der Landesregierung auf absehbare Zeit unverzichtbar sei und erinnerte an den Ausbau der Nordschwarzwaldtrasse. Gerade in der Wärmeversorgung bieten sich durch Erdgas große Potentiale, beispielsweise in der hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplung. Kritisch äußerte er sich gegenüber anderen Wärmeträgern. „Die Wärmepumpe wirft momentan mehr Fragen auf, als sie Lösungen anbietet.“ Für die Integration der Erneuerbaren im Gasmarkt unterstrich Greißing, dass Biogas zwar eine Option ist, aber nur ein begrenztes Potential besitze. Power-to-Gas sei dahingegen eine ernstzunehmende Option für den Wärmebereich, dennoch gebe es auch hier entlang der Wirkungsgrade und Kosten noch Fragezeichen. Professor Uwe Leprich vom Bundesumweltamt hielt dagegen, dass es aus heutiger Sicht ohne Power-to-Gas keinen vollständig dekarbonisierten Wärmesektor geben kann. Erdgas selbst sieht Leprich als die wichtigste Brückenenergie, langfristig sei sie aber ein „Auslaufmodell“ und müsse durch synthetisches Gas aus regenerativen Quellen ersetzt werden.  Bis dahin sei die Kraft-Wärme-Kopplung der wichtigste Einsatzbereich von Erdgas. Für Martin Hintermayer von Energy Research & Scenarios sind die CO2-Vermeidungskosten der maßgebliche Faktor für die Zukunft von Technologien. Soll Gas auch langfristig eingesetzt werden, müsse es CO2-neutral werden. Ähnlich äußerte sich Frank Graf von der DVGW-Forschungsstelle, der sich für technologieoffene Lösungen aussprach, beispielsweise durch die Sektorenkopplung. Die Speicherfähigkeit des Gasnetzes hob Stephan Rieke hervor. Er erinnerte daran, dass das Ferngasnetz deutlich länger sei als das Stromübertragungsnetz. Wird Power-to-Gas in die bestehende Gasinfrastruktur integriert, führe dies zu einer „gesamtsystematischen Optimierung mit hohem THG-Einsparpotential.“ Damit lasse sich zudem ein Problem der auf Erneuerbaren basierenden Stromerzeugung lösen, nämlich dann, wenn aufgrund bestimmter Wetterbedingungen eine Überproduktion stattfindet.

Der Nachmittag stand im Zeichen der Umbrüche durch die Digitalisierung, welche sich in verschiedenerlei Hinsicht auf den Energiemarkt auswirkt. So machte Jarno Wittig von der VKU-Consult deutlich, dass es künftig um die „Kontrolle der Schnittstelle zwischen Anbietern und Endkunden“ gehe, zahlreiche Plattformen im Internet seien hierfür sinnbildlich. Er appellierte an die Teilnehmer, im Umgang mit Innovationen kreativ zu denken und die Digitalisierung nicht als Ziel, sondern als Weg zu betrachten. Auch sei es stets hilfreich, sich mit gescheiterten Projekten auseinanderzusetzen, um von deren Fehlern zu lernen. Die VKU-Innovationsplattform befasst sich mit dieser Art des Arbeitens. Sekundiert wurde Wittig von zwei Start-Up-Unternehmen. Jan Hanken von idatase stellte den Nutzen von Big Data heraus. Durch Informationssammlungen ließen sich beispielsweise Potentiale oder Unregelmäßigkeiten in Systemen identifizieren, was auch die Analyse von Social Media-Daten beinhalte. Matthias Koppenborg von delta Karlsruhe erklärte das Blockchain-Modell, wodurch Transaktionskosten gesenkt werden können – und traditionelle Akteure vom Markt verschwinden könnten. Deshalb sei es für die Energiebranche wichtig, aktiv auf den Kunden zuzugehen und ihm attraktive Angebote zu machen. Ein praktisches Gesicht der Veränderungen verlieh der Kooperationspartner der Veranstaltung, die GasVersorgung Süddeutschland (GVS) in Person von Helmut Kusterer. Er prophezeite den Zuhörern, dass die Entwicklungen zahlreiche Geschäftsabläufe auf den Kopf stellen werden. Plattformen seien für das Geschäft zunehmend wichtiger als das Produkt selbst, was den Endkundenwettbewerb vor Herausforderungen stelle. Daher appellierte Kusterer an eine unkomplizierte Optimierung des Geschäfts; Geschwindigkeit und Effizienz der Abläufe seien mindestens so wichtig wie der Preis.

Die Vorträge stießen auf interessierte Resonanz der Zuhörer. Tobias Bringmann bat die Anwesenden, die technologischen Trends aufzugreifen, um auch im zukünftigen Geschäft bestehen zu können. Gleichwohl bedürfe es noch entsprechende Anreize der Politik, dass die Gasbranche auch über 2050 hinaus noch eine Bedeutung hat. Dafür müsse Gas grün werden. Power to Gas und Power to X seien die Schlüssel dafür.